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Ich hab heute
durch IF-Bordmagazine geblättert und da gabs immer so eine Seite, wo die
Uniformsymbole abgebildet waren und wer "dahinter steckt". Flugkapitän,
erster Flugzeugführer, 2. Flugzeugführer, Navigator und Flugingenieur.
Welche Aufgabe hatte aber der 2. Flugzeugführer? War er Ersatzmann für den
ersten Flugzeugführer auf Langstrecken?
Ich gehe bis jetzt davon aus, das der erste Flugzeugführer sowas wie der FO
heute ist, Navigator und Flugingenieur fallen heute ja so gut wie bei allen
Flugzeugtypen weg und Flugkapitän ist wie heute Flugkapitän.
Was hat also der 2. Flugzeugführer gemacht?
(Markus Meyer)
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aus INTERFLUG Bordjournalen
(kostenlos an Bord der Flugzeuge)

Veröffentlichungsbeispiel 1

Veröffentlichungsbeispiel 2
Ich vermute, daß diese Frage bereits zu
Zeiten von INTERFLUG von verschiedenen
Passagieren gestellt worden ist, warum man dann einfach bei den folgenden
Veröffentlichungen den 2. Flugzeugführer ganz weggelassen hat (siehe
Beispiel 2). Eigentlich würde sich ja nun die Frage aufdrängen, wenn es einen
1. Flugzeugführer gibt, warum gibt es keinen 2. Flugzeugführer? Doch das
gesamte Problem geht noch viel weiter und wäre eigentlich nur eine dumme
Farce, wäre es nicht auch hochgradig menschenverachtend, was ja offiziell
gar nicht zu den sozialistischen Tugenden zählte.
Zuerst muß man einmal sagen, das es in der
Luftfahrt im Allgemeinen und in der der DDR im Besonderen schon immer
Probleme mit der Begriffsvielfallt und eindeutigen Zuordnung verschiedener
Termina gegeben hat. Das ist zum einen dadurch bedingt, dass die Sprache der
Luftfahrt eigentlich Englisch ist, die Luftfahrtgesetze und Vorschriften
eines Landes aber gewöhnlich nur in der Landessprache verfaßt sind. Zum Teil
gibt es in den Landessprachen keine guten Äquivalente für die englischen
Begriffe oder alte landessprachliche Begriffe sind tief im Leben eines
Landes verwurzelt. In der DDR kam eine gewisse Zeit lang (bis etwa inklusive
und vor allem bis zum "Regime" Bodo Jahn als 1. Parteisekretär ) noch ein starker politischer Aspekt
hinzu. Den Parteioberen war der Gebrauch einer kapitalistischen Sprache,
nämlich Englisch, hochgradig politisch suspekt. Zumal es ihnen stets um die Wahrung
der Freundschaft zur Sowjetunion als Herzenssache eines jeden "Kommunisten"
ging. Also Russisch statt Englisch. Nur harmonierte diese Forderung
überhaupt nicht mit den Erfordernissen eines internationalen Flugverkehrs,
wie ihn die INTERFLUG nun einmal betrieb. Also
sprachen wir bei Flügen in die Sowjetunion mit der Flugsicherung dort in
Russisch, überall sonst auf der Welt natürlich Englisch.
Die DDR-Luftfahrtgesetzgebung kannte den
Begriff Kapitän oder gar Captain überhaupt nicht (die westdeutsche
übrigens auch nicht), sondern sprach vom Kommandanten. Der
westdeutsche Sprachgebrauch des Alltags (nicht der des Gesetzes) war aber nun einmal
"Flugkapitän" oder besser einfach "Kapitän" und entsprach dem internationalen englischen Begriff
"Captain". Daran konnte nun auch INTERFLUG, und
vor allem die Parteioberen, nicht vorbei. Man akzeptierte also für die
Öffentlichkeit die Begriffe Flugkapitän und Captain, wie auch oben in den
Bordjounalen angegeben. In allen INTERFLUG
internen Dokumenten und Vorschriften wurde dagegen das Wort Kommandant aus
dem Gesetzestext benutzt. Das Gesetz spricht außerdem von einem
"verantwortlichen Luftfahrzeugführer" (in Englisch: dem "Pilot in Command -
PIC").Das war bei INTERFLUG, wie bei anderen
Fluggesellschaften auch, immer ein Kapitän, ein Flugkapitän, also ein
Kommandant. Der war in der Regel (Normalbesatzung - single crew) auch gleichzeitig der 1. Pilot, wenn man so
will.
Bei längeren Flügen mußte die Besatzung
verstärkt werden, um eine Rotation der Crew im Cockpit zu den erforderlichen
Ruhezeiten zu ermöglichen. Fügte man dann einen zweiten Kapitän (einen mit der
Qualifikation Kommandant - gemäß IF-Bordjournal ggf. 1, FF) hinzu, wurde
dieser wirklich bei IF der 1. Flugzeugführer genannt, da ja nur ein Kapitän als
Pilot in Command, als Kapitän im unpräzissen Sprachgebrauch also, existieren
durfte. Nur einer hatte den Hut auf, wie wir spaßig sagten.
INTERFLUG definierte das so, daß die
Kommandogewalt immer beim Pilot in Command verbleibt, auch wenn dieser
schlafen ging, während der zweite Kapitän, dann der 1. Flugzeugführer war.
Wenn dieser den Kapitänssitz links am Steuer einnahm, hatte er "nur" die
"Entscheidungsgewalt über die Flugzeugführung" inne. Generelle
Entscheidungen zur Operation wurden weiterhin in letzter Instanz von Kapitän, dem Pilot in
Command getroffen. Dieser mußte dann ggf geweckt werden, z.B. bei einer
anstehenden Ausweichlandung (Diversion). Soweit so gut, alles war intern
damit klar geregelt. Nicht viel dagegen einzuwenden.
Nun hat die
INTERFLUG sich aber ein Eigentor geschossen. Als in den 70er Jahren
die Kommandanten immer mehr nach Westen schauten, sich international
orientierten, und sich fragten, warum sie
denn nicht auch "Flugkapitäne" wären, statt (Panzer-) Kommandanten ("..und ein
Hund", wie in einer polnischen Fernsehserie im DDR-Fernsehen), machte
INTERFLUG ein faules Zugeständnis, ohne offensichtlich dessen Tragweite abzusehen.
Man erfand den "Flugkapitän" neu, nicht als Qualifikation etwa, wie er de
facto ja schon weltweit bestand, nein als Titel, eine Auszeichnung.
Man stelle sich einmal vor, ein qualifizierter Bäckermeister wird, nachdem
er einige Jahre vor sich hin gebacken hat und immer schön "brav" war,
jetzt öffentlich als Bäckermeister ausgezeichnet. So wurde fortan zu hohen
Feiertagen, wie Jahrestag der zivilen Luftfahrt oder Tag der Republik, der
Titel "Flugkapitän" unters Volk gestreut. Dazu gab es extra eine Verordnung
zur "Verleihung des Titels Flugkapitän". Neben der fachlichen Qualifikation,
der Funktion, die jeder der Kanidaten natürlich mitbrachte, kamen politische
Aspekte und Aspekte der sogn. "sozialistischen Persönlichkeit" hinzu. Neben einer
Urkunde kam als äußerliches Zeichen der Lorbeerkranz um den
Flugzeugführerstern am vierstreifigen Ärmel der Uniform hinzu.
Damit hatte man allerdings zugleich alle
Kommandten, die diesen Titel nicht oder noch nicht hatten, öffentlich
degradiert, deformiert und diskriminiert. Der Mann, der es hätte besser
wissen müssen, nämlich Flugbetriebsleiter Horst Materna, unternahm dagegen
nichts, vielleicht war er sogar einer der Drahtzieher, war so etwas doch gut
als Führungselement im Prozeß "teile und herrsche!" zu mißbrauchen. Ich
weiß es aber nicht.genau, muß ich dazu sagen.
Das war aber noch nicht alles. Sogar
Flugzeugführer des Agrarfluges, die mit ihren weniger als 5,7 Tonnen
schweren "Sportflugzeugen" über die Felder und unter den
Hochspannungsleitengen hindurch hirschten und nur sich und ihren Feuerstuhl
zu kommandieren hatten, wurden zu Flugkapitänen ernannt. Dieses war für mich
eine der lächerlichsten Selbstdarstellungen der sozialistischen INTERFLUG
überhaupt und zeigte, daß es INTERFLUG an
internationaler Maturität doch gewaltig fehlte und dass das kommunistische
Gleichmacher-Prinzip (falsche Gerechtigkeit) hier dominierte.
So war ich z.B. als Fluginspekteur der
SLI, der bei INTERFLUG als Kommandat seine
Mindest-Stunden flog und dieses Unternehmen als einziges in der DDR zu
beaufsichtigen hatte, nach dieser Veröffentlichung nur ein 1. FLugzeugführer,
obwohl ich stets PIC war. Es konnte wegen meiner Stellung also passieren,
und ist auch passiert, dass ich einen als "Flugkapitän" ausgezeichneten
Kommandanten als 1. Flugzeugführer in meiner Crew hatte. Das Choas war perfekt, die
Öffentlichkeit (auch Bodenpersonal etc.) wieder einmal getäuscht, wie man sich leicht vorstellen kann.
Die Uniform hatte damit ihren einzigen Sinn verloren.
Wollte man dieses Dilemma vermeiden und
dennoch einen Titel haben, warum hatte man nicht "Verdienter Flugkapitän"
gewählt. Diese "verdienten" Titel waren in der DDR auch in anderen
Wirtschaftzweigen üblich. Die Kennzeichnung hätte an der Uniform
mit einer Ehrenspange, wie bei einer Auszeichnung, vorgenommen werden
können, denn der Titel "Flugkapitän" war keine Art Qualifikation, die
irgendwelche Ansprüche hinsichtlich den Maßstäben einer fachlichen einer Qualifikation erfüllte.
Das war laut Gesetz der Kommandant. Bestenfalls war ein wenig mehr Erfahrung mit im Spiel, aber auch nicht zwingend,
vor allem aber Anpassung und Wohlgefallen.
Da nun das klar sein dürfte, ist der Rest,
die eigentliche Frage, leicht erklärt. Der 2. Flugzeugführer war ein
Copilot, im Westen ein First Officer, der seinen Kommandaten, den
Flugkapitän oder den 1. Flugzeugführer, wie man will, im rechten Sitz bei
der Flugzeugführung und der Arbeit in der Besatzung zu unterstützen hatte. Er war
derjenige, der in einer Standard-Besatzung (Single Crew - alle Funktionen
nur einmal besetzt) bei Ausfall des Pilot in Command die Kommandogewalt zu
übernehmen hatte (die Flugzeugführung ja soundso).
Hatte er drei Streifen, so hatte er mehr als 1500 Stunden auf
Verkehrsflugzeugen geflogen und war im Besitz der ATPL. Hatte er weniger als
das, bekam er nur zwei Streifen. Das bedeutete, das ein längjähriger Copilot
(gewöhnlich anderswo bereits "Senior First Officer" genannt) mit vielleicht
8000 bis 10000 Flugstunden und ATPL, mit Long Range in der Öffentlichkeit
durch seine Company, für die er vielleicht bereits 20 Jahre hart gearbeitet
hatte, als 2. Flugzeugführer abgestempeltt wurde (in Relation zu dem
erwähnten ersten FF) und dann noch ganz weggelassen wurde, während ein Agrarpilot mit vielleicht 4000 Stunden
und 10-15 Jahren bei Interflug, mit CPL zum Flugkapitän geschlagen wurde und
am 1. Mai stolz neben den 20 000 Std.-Flugkapitänen der IL-62 marschieren durfte. Ja,
auch das war der "real existierende Sozialismus" der DDR, der sich
eigentlich die Selbstverwirklichung der Persönlichkeit (der sosialistischen
Persönlichkeit) auf die Fahnen geschrieben hatte. Na danke!
Die Aufgaben des 2. Flugzeugführers, des
Copiloten, waren von Typ zu Typ etwas unterschiedlich. Auf der TU-134 z.B.
erfüllte der Copilot zugleich die Aufgaben des "technischen
Verantwortlichen", da es dort bei INTERFLUG
keinen Bordingenieur mehr gab, obwohl es dort beiweitem noch kein
Zwei-Mann-Cockpit gab und die Aufgaben nicht dementsprechend verteilt waren,
z.B. auf Bodenpersonal, wie das bei modernen Glass-Cockpits heute der Fall
ist. D.h. er hatte eigentlich eine Doppelfunktion, was nicht hinreichend
gewürdigt und bezahlt wurde. Nein, dafür wurde er in der Public Relation,
wie wir ja oben sehen, auch noch runtergemacht oder ganz weggelassen.
Weiter kommt hinzu, daß es bei INTERFLUG über
viele, viele Jahre durchaus nicht üblich war, die Flüge zwischen Kapitän und
Copilot gerecht zu teilen, sondern der Copilt war völlig dem Wohlwollen
seines Kapitäns ausgeliefert, ob er auch mal fliegen durfte (anfassen
durfte, wie die Piloten sagten). Das alles unter der Fahne des Sozialismus.
Das gibt es heute im tiefen Kapitalismus nicht. Wenn ich auf meinen Trips
z.B. 5 Landungen habe, bekommt in der Regel davon 3 der First Officer und
ist er noch ein Trainee, meist sogar alle. Ja, so war das bei
INTERFLUG mit der Menschenwürde. So sind wir
aufgewachsen und erzogen worden. Das muß man erst einmal wieder los werden.
Fliege ich heute z,B. mit einem zweiten Kapitän nach San Francisco, dann
fliegt der dienstälteste Kapitän (der mit der niedrigsten Personalnummer)
die Strecke nach SFO (outbound) als PIC und auf dem Weg zurück (inbound) der andere Kapitän
als PIC, egal
wer wann gerade erst auf dem Typ ausgecheckt hat. Der jeweils andere Kapitän agiert als
Relief Captain. Und das alles ganz ohne proklammierte sozialistische Ideale.
Einzelheiten zu den Aufgaben der
Besatzungsmitgleider allgemeiner und typenspezifischer Natur findet man auch
in den Handbüchern der INTERFLUG, wie sie im
Downloadbereich angeboten werden.
Eine ziemlich ähnliche Posse hat sich
INTERFLUG mit dem Begriff "Puser"
geleistet, der offensichtlich aus mir unerklärlichen Gründen bei den
INTERFLUG Spitzen auch auf Ablehnung stieß. Man
benutzte statt dessen den Begriff "1. Stewardess" (gemeint war die
eines Fluges und nicht die der gessamten INTERFLUG, was leicht vermutet
werden könnte), später auch mal den besser passenden, aber eben
französsischen Begriff "Chef de Cabine", bevor man sich dann mit der Airbus
A-310-300 Einführung doch endlich noch für "Purser" und "Assistent Purser"
etc. entschied.
Aber das können andere auch auf die
Lustige:. British Airways nennt seine Purser "Cabin Service Director" und
das auch auf einem Flug eines kleinen A-319 von Berlin nach London, mit drei
Cabin Crewmember, wo man schnell ein belegtes Brötchen und eine Kaffee rüber
geworfen bekommt, was aber vergleichsweise noch viel ist und man muß es
nicht einmal bezahlen wie bei Lauda und anderen. Jedenfalls ist deren
Tendenz nach oben, niemals nach unten, wie bei
INTERFLUG.
Wir hatten dann über die Jahre auch noch Chefstewardessen (für die
INTERFLUG gesamt), Staffelstewardessen,
Gruppenstewardessen, Leiter des Bereichs Kabinenpersonal, Gruppenleiter usw.
Ich glaube, das alles macht ein wenig mehr deutlich, warum keiner von uns,
wie schon öfter angemerkt, INTERFLUG,
genau so wie sie war, wiederhaben möchte. |